Tod auf der Autobahn

„Haben Sie von dem Mord an Franz-Werner Sengler der Autobahnraststätte Allertal gehört?” fragte Leyden zurück.

„Die Zeitungen sind ja voll davon!” antwortete Bär.

„Ich werde beschuldigt die Tat begangen zu haben!”

„Ach. Und Sie meinen ich könnte, helfen zu beweisen, dass Sie es nicht waren. Wie kommen Sie darauf?”

„Ja, das ist eine merkwürdige Geschichte.

Die Staatsanwältin meinte, wenn mir jemand helfen könnte dann Sie. Sie hat mir diese Karte gegeben.”

Bär nickte mir zu, ich nahm die Karte an mich, warf einen Blick darauf und gab sie Bär, der sie in seine Schublade legte. Ich wunderte mich, da auf der Karte Schubertstraße stand. Ich würde Bär danach fragen.

„Hieß die Staatsanwältin Clarrissa Weidenpech?”

„Ja, d.h. zumindest der Nachname stimmt!”

Cäsar Bär Haltung änderte sich. Bis zu diesem Zeitpunkt war er eher gelangweilt. Nun richtete er sich auf und wirkte extrem interessiert.

„Na, dann legen Sie mal los!”

„Haben Sie meinen Bericht vor etwa einen halben Jahr im Fernsehen gesehen?”

„Den, indem Sie über Mord, Attentate und kriegerische Auseinandersetzungen philosophieren?”

„Philosophieren?” Leyden klang beleidigt, was Bär als Bestätigung sah.

„Ich habe Ihn gesehen!”

„Haben Sie die Pressekampagne gegen mich verfolgt?”

„Ja, aber die werden Sie doch erwartet oder sogar gewollt haben. Sonst hätten Sie ihn doch nicht geschrieben.”

Als Leyden indigniert guckte fuhr Bär fort. „Wenn ich mich richtig erinnere, war es Sengler, der sie los trat. Er hat Sie einen Sympathisanten der Terroristen genannt, nicht wahr?”

„Richtig! Und ich habe ihn verklagt!”

„Ich habe auch darüber gelesen habe.”

„Am Dienstag vor vierzehn Tagen war der Gerichtstermin in Hamburg angesetzt und ich fuhr am Abend zuvor hin.”

„Also am Montan, den 19. Mai?” unterbrach Cäsar Bär nachdem einigem hantieren an seinen Computer. „Pfingstmontag! Ihr Prozess sollte einen Tag vor Beginn des Baader-Meinhof-Prozess stattfinden!“

„Ja. Unterwegs machte ich an der Raststätte Allertal Pause. Dort saß Sengler.”

„Wann trafen sie ein. Saß er dort allein?”

„Viertel nach Acht abends. Nein, er saß mit drei Männern.”

„Wissen Sie, wer die Männer waren.”

„Ja, es handelte sich um drei recht bekannte Persönlichkeiten: Archie Mon-An

Pater Michael und General Werner Fröhlich.”

„Oh.” machte Bär, er wirkte noch eine Spur interessierter und murmelte

„Deshalb also!”

„Bitte?” fragte Ronald

Ach nichts!” meinte Bär und tat gleichmütig. „Redeten Sie mit den Vieren?”

„Nein, ich grüßte nicht einmal. Sie saßen an der Tischreihe am Fenster ziemlich in der Mitte. Ich setzte mich an den dritten Tisch der zweiten Tischreihe von der Theke aus. Zwischen unseren Tischreihen war noch eine weitere. Also insgesamt vier Reihen."

„Sind ihnen die Gesprächspartner von Sengler persönlich bekannt.”

„Ich habe alle drei schon einmal im Zusammenhang mit einem Waffenskandal interviewt.”

„In den alle drei verwickelt waren? Auch der Pater?”

„Ich konnte das nicht nachweisen. Und der Sender brachte meinen Bericht aus Vorsicht nicht. Aber mir schien, dass der Pater eine Verbindung zwischen Mon-An und dem General hergestellt hatte.”

„Ach!” Bär schien amüsiert. „Waren sonst noch Gäste anwesend?”

„Vier Tische waren außerdem schon besetzt. Die dort sitzenden waren mir aber nicht bekannt.”

„Kennen Sie Arthur Therm ?”

 „Nein, wer ist das?”

„Ein Gehilfe von Mon-An. Ein ziemlich großer und breitschultriger Mann. Größer als Sie und der Doktor.”

„Ein so großer Mann ist mir draußen auf dem Parkplatz aufgefallen. Es schien ein Chauffeur zu sein.”

„War er allein auf dem Parkplatz.”

„Nein, es standen noch zwei weitere Chauffeure auf dem Parkplatz, ein Mönch und ein Soldat. Außerdem war da noch ein Bulli mit zwei Leuten, ein Paar.”

„Unterhielten sich die vier?”

„Nein, aber sie schienen sich gegenseitig zu beobachten!”

„Haben Sie irgendwie mitbekommen, worum es am Tisch von Sengler ging.”

„Nein, aber die Gemüter seiner Gesprächspartner schienen erregt.”

„Sie sind als Journalist ein guter Beobachter. War von den anderen Gästen jemand an der Gruppe um Sengler interessiert.”

„Ja, die Gäste an allen drei Tischen beobachteten Senglers Tisch.”

„Können Sie die Gäste beschreiben.”

„Ein Paar saß in der ersten Reihe von der Theke aus, am vorletzten Tisch, wo es zur Küche ging. Der Tisch war durch eine Garderobe weitgehend verdeckt. Ein großer blonder Mann saß mit dem Rücken zu mir, zusammen mit einer ausländisch wirkenden Frau.”

„Die Frau, wirkte sie ägyptisch oder indianisch?”

„Indianisch.”

Bär nickte geistesabwesend.

„Der große Blonde war im Übrigen plötzlich verschwunden. Ohne dass ich sah, dass er ging.” ergänzte Leyden.

„Wer waren die anderen?”

„Ein älteres Paar saß am Fenster, zwei Tische vor der Gruppe, vom Eingang her. Sie wirkten sehr zerbrechlich. Ich habe sie erst später bemerkt. Sie können nach mir gekommen sein."

Bär tippte etwas in seinen Computer ein, schwenkte den Monitor zu Ronald hinüber. Auf dem Schirm war das Bild zweier alter Leute.

„Das waren Sie.” sagte Ronald. Nach einer weiteren Eingabe erschien eine indianische Schönheit. Ronald nickte nur.

„Der dritte Tisch, wer saß da?”

„Fünf Leute mit etwas illustren Aussehen und einem Hund. Sie saßen auch in der Fensterreihe. Zwei Tische hinter Sengler und den anderen. Am letzten Tisch, in der Ecke”

„Wie verstehen Sie unter illuster?”

„Die Leute schienen nicht zu einander zu passen. Ein sehr gut aussehender Mann mit Goldkettchen, so ein Typ der auf Tennisplätzen und Schicki-Micki-Lokalen zu finden ist. Ein langer dünner Schwarzer, in einem schwarzen Anzug. Ein großer breiter Mann mit indianischen Zügen. Eine sehr energisch wirkende, kleine, schmale junge blonde Frau. Und Sogan, der Magier.”

Sogan, der Magier! Ich war beeindruckt. Cäsar Bär scheinbar nicht.

„Der Hund gehörte dann wohl Sogan,” meinte er. „Tat der Hund etwas Besonderes.”

„Ja, er schnüffelte am Tisch von Sengler und den andren herum. Pater Michael schien nicht begeistert zu sein.”

„Das kann ich mir vorstellen. Der Hund war ein Pudel, nicht wahr?“

Ronald nickte.

„Die beiden am Bulli draußen. Waren die auch illuster.”

„Ja, ein Hippie mit Gitarre und eine Frau in einem Schlosseranzug.”

„Der vierte Tisch der noch besetzt war. Wer saß da?”

„Ein Mann. Er aß und tat so, also wenn er sich für nichts interessierte. Aber mir schien, dass er alles wahrnahm, was sich im Laden ereignete.”

„Wer ist als erster weggegangen.”

„Ich weiß es nicht. Ich musste längere Zeit auf die Toilette und als ich wieder kam, waren alle verschwunden.”

„Wie lange waren sie auf der Toilette?“

„Da ich das alles mit der Polizei schon durchgegangen bin, kann ich das ziemlich genau sagen. Etwa um Neun ging ich zur Toilette. Ich hatte plötzlich etwas Durchfall. Kurz vor halb Zehn war ich wieder an meinen Tisch, bezahlte, ging zu meinem Auto und fuhr los.“

Cäsar Bär nickte und Ronald fuhr fort:

„Ich stieg in mein Auto und fuhr los. Kurz hinter der Raststätte stand der Wagen von Sengler im Graben.”

„Wussten Sie, dass es der Wagen von Sengler war.”

„Ja, .. nein.. ich weiß nicht genau.” Er zögerte und fuhr fort: „Ich habe den Wagen gesehen und dachte: Das ist doch der Wagen vom verfluchten Sengler!”

Er sah Bär an und fuhr – als dieser nichts sagte – fort.

„Sengler lag im Wagen und rührte sich nicht. Im Wagen war Blut.

In der Nähe war eine Notrufsäule zu der ich lief. Aber da kam schon die Polizei. Ich weiß nicht wie, aber ich saß relativ schnell auf einem Polizeirevier und wurde festgenommen. Heute hat mich die Staatsanwältin freigelassen und mir empfohlen mich an Sie zu wenden.”

Bär überlegte einen Augenblick und stellte noch eine Frage: „Ist Ihnen noch etwas Besonderes aufgefallen?”

Leyden dachte seinerseits ein wenig nach, dann erinnerte er sich: „Ja. Irgendwann hörte ich den Schrei einer Frau. Kurz darauf kam eine Kellnerin aus dem Durchgang zur Küche. Sie war sehr aufgeregt. Dann erschien plötzlich ein Kellner und beruhigte sie.”

„Tat er etwas Besonderes?”

„Er machte merkwürdige Handbewegungen vor dem Gesicht der Frau.”

„Solche?” fragte Bär und machte selber merkwürdige Handbewegungen.

„Ja. Woher wissen sie das?”

Ohne auf die Frage einzugehen bat Bär um eine Beschreibung der Frau.

Danach beendete er die Sitzung abrupt. „Ich werde Ihren Fall übernehmen!”

Dann, ich weiß nicht genau wie, komplimentierte er Ronald Leyden hinaus.

Als Ronald Leyden gegangen war, sagte Bär: „Nun werde ich erst einmal ein paar Einladungen aussprechen.”

Er tippte an seinen Computer herum und machte ein paar komische Handbewegungen. Dann war die Stimme einer älteren Dame zu hören: „Hedwig Waldner

„Kann ich Euch sichten?”

„Na gut, Cäsar.” kam die Antwort

Und dann erschienen aus dem nichts die beiden älteren Leute, die vorhin auf dem Computer zu sehen waren. Sie standen mitten im Raum.

„Hallo Hedwig, hallo Herbert.”

„Was können wir für Dich tun?”

„Ihr sollt vorbeikommen!”

„Wir können doch auch so reden!”

„Nein, ich will Euch hier sehen und mit Euch den Mordfall Sengler debattieren. Und Ihr wisst, dass ich das Recht dazu habe. Aber ich will nicht mit Euch debattieren. Ich habe einen neuen Assistenten.”

Er machte wieder so eine komische Handbewegung. Die beiden Alten schauten zu mir rüber.

„Das ist etwas anderes.” sagte Hedwig.

„Allerdings!” sagte Herbert. „Wir sind gleich bei Dir!”

„Ausgesichtet” sagte Cäsar Bär.

Die beiden Alten verschwanden.

Ich starrte auf die Leere. „Wo sind sie hin?”

„Sie waren nicht hier. Es war nur ihr Abbild. Sichten ist ein spezieller Zauber von Kobolden und Computermagiern.”

„He?” machte ich. `OK, ich träume, ´

dachte ich fälschlicherweise.