Wie man eine Tür öffnet

Außerdem erschien auf dem Monitor der Klingler vor der Tür. Der Klingler war mir auf mehrfache Weise bekannt. Er hieß Ronald Leyden.

Erstens übte er die gleiche Sportart aus wie ich: Basketball. Wir hatten einige Male beim Jump gegenübergestanden. Da unser Besuch etwa 10 cm kleiner ist, habe ich meistens gewonnen.

Zweitens war er bis zu seinem (späteren) Verschwinden ein bekannter Journalist, der für verschiedene Zeitungen sowie für Funk und Fernsehen arbeitete.

Sein Verschwinden hat etwas mit Harald Larson zu tun. Aber das ist eine andere Geschichte, die zu anderer Zeit von Anderen erzählt werden soll.

Drittens hatte einer seiner Fernsehberichte einen Skandal ausgelöst. Dieser Bericht drehte sich um das Thema Attentate. Die Schlussfolgerungen dieses Berichtes waren nicht ganz eindeutig. Unter anderem war die Frage aufgeworfen, wann die Tötung eines Menschen ein Mord oder ein Attentat war. Auch war behauptet worden, dass diese Definition sich ändern könnte, wenn der „Töter” oder seine Sympathisanten eines Tages die Macht übernahmen.


Dann würde aus einem „feigen Mörder” schnell ein „Volksheld.“

Das war natürlich in den Zeiten der Baader-Meinhof-Gruppe ein gefundenes Fressen für die rechte Presse, namentlich eines bestimmten Blattes, für das die Bezeichnung „Zeitung” ein unverdientes Lob ist. Einer der Mitarbeiter dieses Blattes namens Franz-Werner Sengler hatte Leyden so sehr angegriffen, dass Leyden Sengler wegen Rufmords verklagte. Einen Tag vor Prozessbeginn war Sengler in der Nähe der Autobahnraststätte Allertal ermordet worden.

Nun stand er vor der Tür und betätigte erneut die Klingel.

Auf meinem Monitor erschien eine Schrift:

Willst Du Ihn hereinlassen?“

Spontan sagte ich „Ja!“

Verwundert musste ich feststellen, dass der Computer mich verstand, den eine neue Schrift erschien

„Entscheide Dich:

A: Willst Du hingehen und die Tür selber für Ihnen öffnen, oder

B: Soll ich die Tür für Dich öffnen?“

„B!“

„Soll die Tür,

A: Leise aufgehen,

B: Knarrend aufgehen,

C: Unheimliche Geräusche machen, wenn Sie aufgeht?“

B!“ Ich wollte nicht, dass Ronald schreiend weglief, aber ein bisschen Spaß sollte sein.

„Soll ich im Flur

A: Diffuses Licht

B: Gedämpftes Licht

C: Kein Licht machen?“

„B!“

„Soll ich die Bürotür

A: Ganz öffnen

B: einen Spalt öffnen

C: geschlossen lassen?

„A!“

Leyden trat ein. Er starrte mich kurz an: „Baldi, nicht wahr?”

Dass er einen meiner Spitznamen kannte, erstaunte mich. Aber Basketball war damals noch mehr eine Randsportart als heute.

Ich nickte und sagte meinerseits: „Ronald Leyden, nicht wahr?” Wir schüttelten uns die Hände.

„Du solltest wie früher Ronny zu mir sagen!“

Plötzlich kam ich auf die Idee, dass ich Cäsar Bär vorwarnen sollte und begab mich auf die Suche nach ihm. Ich hatte eine ungefähre Vorstellung über den Weg zum Garten und fand ihn auch.

Der Garten der Wallvilla ist voll von wilden Pflanzen, magischen Orten und großen Gefahren.

Die größte Gefahr für mich ging allerdings in diesem Moment von Cäsar Bär aus. Er stand im Garten und unterhielt sich mit einer großen braungrünen Gestalt, die vor einem Baum stand. Als ich auftauchte, verschwand die Gestalt. Besser gesagt, ich hatte das Gefühl, die Gestalt verschmelze mit dem Baum.

Cäsar Bär drehte sich um und fauchte mich an: „Hatte ich nicht gesagt, dass ich vor 16.00 Uhr nicht gestört werden will!”

Ich fühlte mich plötzlich ganz klein und eingeschüchtert.

Es war das erste von vielen künftigen Anfauchen. Inzwischen habe ich Gelassenheit und Abwehrkräfte entwickelt. Aber auch heute bin ich immer wieder beeindruckt und froh wenn sein Fauchen einen anderen trifft.

Das Fauchen eines Kobolds kann einen hart treffen, sagt man zu Recht.

„Aber da Sie nun mal da sind,” fuhr Bär etwas weniger grimmig fort, „möchte ich Sie mit einer Mitarbeiterin des Hauses bekannt machen.” Er drehte sich um und sagte etwas lauter „Dorothea, zeigen Sie sich.” Die grünbraune Gestalt erschien wieder. „Dorothea, dass ist der neue Mitarbeiter, von dem ich Ihnen erzählt habe: Dr. Balduin Schlechtverlust. Doktor, dass ist Dorothea, die Nestfrau. Dorothea ist eine Waldschratin.”

Ich war sehr beeindruckt, da Dorothea noch etwas größer und breiter war als ich. Wundern tat ich mich aber schon nichts mehr.

„Der Klient kann warten!“

Ich trottete ins Büro zurück und die Katze, die im Garten herum gestrolcht war, schloss sich mir an. Sie schnüffelte an Leyden herum, ging zu ihrem Korb und schloss die Augen. Der Schimpanse kam herein, musterte die Katze und setzte sich ins Regal.

Ich sagte zu Ronald: „Du musst noch bis 16.00 Uhr warten bis der Chef kommt. Nimm doch Platz.” Ich wies auf den grünen Ledersessel.

Ich beobachtete neugierig wie er Platz nahm. Ich hatte inzwischen mehr über den Sessel erfahren.

„Spielst Du eigentlich noch Basketball?” Die nächste Dreiviertel Stunde verflog wie im Fluge mit Gesprächen über unsere aktive Zeit sowie über die aktuelle Situation in den deutschen wie amerikanischen Basketballligen.

Ich erlebte Cäsar Bärs Auftritt, den er Fremden vorführt, ob sie nun einzeln oder in Gruppen während seiner Abwesenheit auftauchen, zum ersten Mal. Neben dem Fenster, das sich hinter seinem Schreibtisch und Sonne von weiß woher reinfluten lässt, befindet sich eine Tür in einem halbdunklen Schatten. Diese Tür öffnete sich und Bär erschien, allerdings schien er gewachsen zu sein. Es musste ein Zauber sein, der wie das Brett an seinem Schreibtisch verhinderte, dass außer seinen Angestellten jemand seine wahre Größe erkannte.

Ich war damit nur insoweit im Irrtum, das es außer seinem Angestellten (und Partnern) noch ein paar Menschen, oder besser gesagt Wesen gibt, die von seiner wahren Größe wissen.

Oder sagen wir besser Kleine.