zeitab, zeitauf

Ich ergab mich meinem Schicksal und folgte ihm in den Garten. Er ging zu der Stelle wo Hedwig und Herbert verschwunden waren.

Herbert erschien dort gerade aus dem Nichts. Dorothea stand neben einem Baum und beobachtete uns.

„Du wirst gleich Deinen ersten Ausflug durch Raum und Zeit machen. Das ist mit dem Ring und ein paar Tricks, die ich Dir erklären werde recht einfach.“ sagte Herbert.


„Zunächst wirst Du Dich durch den Raum bewegen. Dafür benutzt Du das Bruhn, es ist zweidimensional. Du gelangst zur PTB. Du weist vielleicht, dass dort eine Atomuhr steht. Sie steht dort nicht aus Zufall. Der Platz war sehr gut für die Aufstellung geeignet, denn dort kannst Du ins Guik gelangen. Wenn Du ein wenig Übung hast, kannst Du direkt vom Bruhn ins Guik wechseln. Vielleicht solltest Du aber bei den ersten Malen eine Pause einlegen. Die Tore und Brücken zwischen dem Normal und den anderen Dimensionen werden ReppKatt und Kulk genannt. Das hört sich verdammt kompliziert an und LRB hätte das ganze auch einfacher gestalten können, hat er aber nicht.  Kümmere Dich also nicht um merkwürdige Begriffe, Tore und Brücken. Folge Deinen durch den Ring und den eben gelernten Tricks verstärkten Instinkten, und du gelangst dorthin, wo Du willst. Bzw. dorthin, wohin Du sollst.

Ach, Du wirst eventuell müde sein von all Deiner Lauferei. Da Cäsar Dich hier dringend braucht und Du hier nicht solange in seiner realen Zeit abwesend sein solltest, besuche uns doch mal. Der 6. Dezember 1973 wäre geeignet. Du warst in unserer Zeit schon da!“

Dorothea gab mir auch noch einen Hinweis: „Sie sollten aufpassen, dass Sie sich nicht selbst begegnen und auch nichts tun, was die Zukunft verändert.“

Ich folgte den Ratschlägen. Plötzlich war alles eine wenig glasig um mich und in mir war ein leichtes Ziehen. Dann fühlte ich mich ein wenig platt. Das kam wahrscheinlich vom zweidimensionalen Bruhn. Ich machte wie vorgeschlagen eine Pause bei der PTB und streckte mich ein wenig. Dann vollführte ich einen weiteren Zauber und begab mich ins Guik.

Als ich meinte, am richtigen Zeitpunkt angekommen zu sein, wechselte ich - nach kurzem Dehn- und Streckübungen - wieder ins Bruhn zurück.

Als die Lichtung wieder auftauchte, stand Dorothea vor mir und sagte: „Hallo!“

Ich grüßte und fragte ich nach dem Tag und der Zeit.

„6. Juli 1970, 9.00 Uhr morgens!”

„Dann hat ja alles geklappt!” sagte ich erleichtert.

„Das ist Deine erste Zeitreise, nicht wahr?” fragte Dorothea, die mich zum ersten Mal in meinem Leben duzte.

In Ihrem Leben duzte sie mich schon länger, weil sie mich schon viel früher gesehen hatte. Für mich lag das damals aber noch in der Zukunft. 

Ich weiß, dass das kompliziert ist. Aber so ist nun mal mein Leben.

„Ja,” antwortete ich.

„Dann sei vorsichtig!”

Ich winkte ab: „Ich weiß! Du hast mir bereits gesagt.”

Dorothea schien nicht davon überzeugt, dass ich vorsichtig genug war. Mit Recht!

Eine der Schwierigkeiten mit Zeitreisen in eine Zeit, in der man selber lebt, ist, dass man nicht von den falschen Leuten gesehen wird.

Zu den falschen Leuten gehört man zum Beispiel selbst, aber auch Verwandte, Bekannte und Freunde – und (potentielle) Feinde.

Wenn man in der Vergangenheit etwas änderte, konnte das massive Folgen für die Zukunft haben, in die man zurückkehrte.

Das Geringste ist, dass einen bestimmte Leute nicht mehr grüßten.

Das Schlimmste ist, dass eine Tat dazu führen konnte, dass man später, aber noch vor dem Ausgangspunkt der Zeitreise umgebracht wird. Zum Beispiel in dem man einen Mitmenschen in den Wahnsinn treibt. Dann kommt man zurück und ist tot.

Zwischen dem Geringsten und dem Schlimmsten gibt es noch eine Menge Varianten, die unangenehm sein können.

Da ich wusste, dass ich vom 2. Juli bis Ende August nicht in Braunschweig sondern auf einer Weltreise war, fühlte ich mich zumindest vor mir selber sicher.

Da ich wusste, wo ich den Antrag gestellt hatte, wusste ich auch, wohin

ich musste. Einiges war 1970 in Braunschweig anders als 1975.

Hier ein anderes Geschäft, dort ein anderer Kneipenname. Das Kino Ring-Theater,  das 1975 längst geschlossen war, lud mit Plakaten zu Premieren eines Films ein, den ich schon mehrmals gesehen hatte. 1975 war hier der Drina-Grill. Vielleicht nicht exakt am gleichen Ort. In meinem bisherigen Leben waren diese Veränderungen Tag für Tag geschehen, nun wurde alles mit einem Mal für mich zurückgedreht. Faszinierend!

Kreuzstraße, Braunschweig Juli 2019
Kreuzstraße, Braunschweig Juli 2019

 

Ich gab meinen Antrag ab und wurde von einer Frage überrascht:

„Haben Sie Ihren Ausweis dabei.“

Verflixt, dachte ich. Es steckte zwar ein Ausweis in meiner Brieftasche.

Der war aber allerdings vor wenigen meiner realen Tage verlängert worden. Wenn ich den vorweise, gibt es sicher Irritationen, dachte ich.

„Leider nicht, aber meinen Führerschein.“ Ich reichte ihn schnell dem Beamten hinüber.

„Mmh“ machte er. „Reicht nicht eigentlich. Sie müssen den Ausweis noch vorlegen.“ Er machte einen Stempel auf das Formular und ich atmete erst mal auf.

Irgendwie erinnerte ich mich, dass etwas mit meinem Ausweis war.

Ich sprang in ein Taxi und fuhr zu meiner Wohnung. Ich war seit 1970 nicht umgezogen. Und nach meiner Erinnerung waren inzwischen die Schlösser nicht ausgewechselt.

Im Haus wurde ich nicht gesehen. Auch der Schlüssel passte. Von der ganzen Herumlauferei war ich etwas müde, also streckte ich mich kurz auf dem Bett aus.


Kaum lag ich hörte ich, dass ein Schlüssel in meine Wohnungstür gesteckt wurde. Ich wusste, dass ich damals gerade in Portugal war.

Einbrecher?

Dann fiel mir ein, dass ein Freund von mir die Post abholte und die Blumen goss. Ich stieg leise aus dem Bett, zog dasselbe glatt, nahm mein Klamotten und versteckte mich im Schrank.

Mein Freund war nicht allein. Er hatte eine Frau bei sich. Wollte er meine Wohnung als Liebesnest benutzen.

Durch einen Spalt sah ich die beiden ins Schlafzimmer kommen und sich vorsichtig umsehen. Ich bereitete mich darauf vor, meinen Freund magisch zu beeinflussen

So was ist nicht ungefährlich. Eine magische Beeinflussung ist nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Wenn Sie genaueres wissen wollen, fragen sie Ihre Hexe oder Zaubertänzerin.

Und diese Nebenwirkungen könnten auch Auswirkungen auf andere Wesen haben, z.B. mich haben. Das wollte ich eigentlich nicht riskieren.

Aber keiner öffnete den Kleiderschrank und sie machten sich auch nicht im Bett breit. Dafür gingen sie in das Wohnzimmer und schalteten den Fernseher an. Den Geräuschen nach zu urteilen, wurde der Weg in mein Bett immer wahrscheinlicher. Nicht, dass ich irgendetwas dagegen hätte, wenn mein Freund meine Wohnung während meiner Abwesenheit in ein Liebesnest verwandelte. Aber ich war zum einen anwesend, zum anderen im Schlafzimmerschrank.

Nach gut einer Stunde klingelte mein Telefon. Jetzt erinnerte ich mich an alles. Ich hatte in Lissabon festgestellt, dass ich zwar meinen Pass, aber nicht meinen Personalausweis dabei hatte. Aus Sicherheitsgründen reiste ich lieber mit beiden. Ich war zudem sicher, dass ich den Perso in eine bestimmte Tasche gesteckt hatte. Nun befürchtete ich, dass er mir unterwegs abhanden gekommen war. „Deinen Perso?“ hörte ich meinen Freund sagen. Und im fernen Portugal hörte ich das auch, ich erinnerte mich wieder. Mein Freund öffnete eine Schublade und sagt wie erwartet: „Ja, hier liegt er! – Ja ich stecke ihn gleich in einen Umschlag und sende Ihn Dir per Eilpost zu. – Wohin – Ja, ich schreibe mit!“

Kurz darauf gingen die beiden Turteltauben mit meinem Perso.

Als ich schließlich aus den Schrank kletterte, war ich kreuzlahm.

Dann versuchte ich mich genau an die Abreise zu meiner Weltreise zu erinnern. An das genaue Datum, an die Umstände, den Zeitablauf.

Dann machte ich einen neuen Plan. Es war verwegen.

Ich reiste zum 2. Juli 1970, wartete vor dem Haus in dem ich wohnte, bis ich es verließ, ging in meine Wohnung, klaute mir selber den Perso. Und zwar nahm ich ihn aus der Tasche, in den ich ihn selber vor kurzen gesteckt hatte.

Dann sprang ich zum 7. Juli 1970, legte den Ausweis vor, sprang zum 5. Juli 1970, packte ihn in die bewusste Schublade und sah zu dass ich aus dieser Zeit verschwand.

Ich hatte noch einige Termine bei verschiedene Ämtern und machte einige Sprünge zeitauf / zeitab.

Es ist sehr viel schwieriger zeitauf zu reisen als zeitab.

Das Guik, ist zwar eindimensional, er verzweigt und verästelt sich aber zeitauf. An bestimmten Zeitpunkten sind so genannte Zeitweichen, nach der es mindestens zwei verschiedene Zukünfte gibt. Da muss man aufpassen, dass man die richtige erwischt.

Ich las im iii unter anderen etwas über Frau Lalüg und Kommissar Kaufmann.

Einer meiner Besuche in dieser etwas hektischen Zeit war nämlich bei Kaufmann, der entweder zu dieser Zeit irgendwie mit der Ausstellung von Lizenzen von Privatdetektiven zu tun hatte oder irgendwie verhindern wollte, dass ich eine bekam.

„Sie wollen also nun offiziell bei Cäsar Bär als Detektiv arbeiten?” fragte er mich.

„Ja, ist das verboten?” fragte ich zurück.

„Ich stelle hier die Fragen!”

„Na gut,” sagte ich. „Fragen Sie!”

Nun hatte ich in durcheinander gebracht und wütend gemacht.

„Verschwinden Sie!”

„Bekomme ich meine Lizenz!”

„Ich schicke Sie zu Ihnen nach Hause.”

Ich hatte als meine Adresse nicht die Wallvilla angegeben, da ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht dort gemeldet war.

Nun wurde die Sache noch komplizierter. Und das gleich zweifach.

Zu einen musste ich damit rechnen das Kaufmann bei Bär auftauchte.

Und der wusste noch nichts von meiner Existenz. Darum machte ich mich auf zur Wallvilla. Dorothea war skeptisch, als ich erklärte, dass ich zu Bär wollte. Aber sie ließ sich überzeugen.

„Wer zum Teufel sind sie denn?“ blaffte mich der Kobold an.

„Ihr künftiger Mitarbeiter!“ und zeigte ihm meinen Vertrag, den er in meiner persönlichen Zeit gerade erst mit mir abgeschlossen. Er las in durch und blaffte wieder: „Und was machen Sie hier.“

„Meine Detektivlizenz beantragen und abholen. Ich informiere Sie nur, weil Kommissar Kaufmann vielleicht bei Ihnen auftaucht und nach mir fragt.“

Es klingelte. Bär sah auf seinen Computer.

„Da ist er schon. Verschwinden sie besser.“

Das tat ich. Durch Raum und Zeit.

Das zweite Problem ließ sich nicht so leicht lösen.

Einerseits musste ich verhindern, dass mein Freund den Brief in die Hand bekam und womöglich (vielleicht sogar nach einem Telefonat mit mir) öffnete, andererseits wollte ich auch nicht gesehen werden.

Ich wusste wann die Lizenz ausgestellt wurde, am 3. August. So streunte ich mitten im Sommer in der Nähe der Wohnung herum und beobachtete Frau Lalüg, während sie die Post austrug.

 Einer meiner Nachbarn sah mich.

„Oh Herr Schlechtverlust,” sagte er, „sind Sie schon wieder zurück.”

„Ich heiße nicht Schlechtverlust.” sagte ich geistesgegenwärtig, „Sie müssen mich verwechseln.”

Ich erinnerte mich später, dass dieser Nachbar mir erzählte, dass ich einen Doppelgänger hätte.

Wenn Ihnen irgendjemand mal etwas von einem Doppelgänger erzählt, könnte es sein, dass auch Sie künftig durch die Zeit wandern.

Nach drei Tagen kam der Brief.

Frau Lalüg gab ihn mir. Sie sprach mich von hinten an, als ich hinter einer Ecke stand und auf sie wartete. Sie erschreckte mich natürlich.

„Warum stehen Sie hier rum?” fragte Frau Lalüg. „Ich hätte Sie schon gefunden.”

„Wie denn das?”

„Damit!” sagte Frau Lalüg und holte ein Poststempel aus ihrer Tasche.

Ich spürte die Magie des Stempels.

„Ich habe ein wenig über Sie gelesen. Sie sind eine Verdammte, ein Cybrid von Gespenstern und Terranern. Gespenster sind doch aber ohne Körper. Wie geht das?“

„Sie haben doch sicher auch gelesen, dass die Gespenster entstanden sind, als sich Ihr Geist von Altrasslern gelöst hat. Die weitgehend geistlosen Körper wurden dann zu Trollen.“

„Ja, ich habe aber auch gelesen, dass man Trolle nicht darauf ansprechen sollte. Sie sollen recht stark sein.“

„Na ja. Aber diese Trennung ist nicht von Dauer. Gespenster können sich wieder zeitweise mit Trollen verbinden. Meistens passiert das, um Spaß beim Sex zu haben. Wenn zwei so genannte Verbundene zusammen Sex haben und es gibt Nachwuchs, gibt es junge Verbundene.

Bei diesen dauert die Verbindung meist eine zeitlang. Zeit genug, den die Gen-Manipulatoren des Imperiums Ninoto seinerzeit nutzen, um die ersten Gespenster zu erzeugen.“

„Ah und Barbaren sind Nachkömmlinge von Trollen. Dann sind sie und KaufmannArt verwandt.“

„Ein wenig. Aber nur ein wenig mehr als wir beide.“ Frau Lalüg war etwas pikiert.

„Im Übrigen ist es bei uns ähnlich wie bei den Geistern.“

Geister?“

„Wenn ein magisches Wesen bei seinem Tod noch etwas nicht erledigt hat, spukt seine Geist noch solange herum, bis er dass sozusagen posthum tut. Er kann sich auch zeitweise mit magischen Wesen verbinden.

Die Seelen von magischen Wesen, die zwischen Leben und Tod schweben, werden auch zu Geistern.“

Nach einer kurzen Pause fuhr Frau Lalüg fort:

„Dieses Trennen und Verbinden von Trollen und Gespenstern muss irgendwie auf die Gene von uns Verdammten Auswirkungen haben.

Barbaren sind ja auch etwas ruhelos.

Der Legende nach waren schon unsere Vorfahren sehr ruhelos. Es gibt da eine Legende“

Frau Lalüg überlegte kurz und zitierte theatralisch:

„Als wieder einmal ein paar Wagemutige Turan verlassen wollten, überlegten diese, wie sie das anstellen sollten. Der Rest der Turaner wollte Ihnen nämlich keine Raumschiffe zur Verfügung stellen. Es gab damals einige Probleme mit der Rentenkasse. Die war leer, würde aber noch leerer, wenn sich die späteren Gespenster absetzten.

Einige Wissenschaftler entwickelten daher eine Methode, wie sie sich in körperlose Wesen verwandeln konnten und so die Galaxis durchstreifen konnten.“

Frau Lalügs Stimme wurde wieder normal, als sie fortfuhr:

„Viel später haben dann Wissenschaftler uns Verdammte geschaffen.

Der Name Verdammte kommt daher, dass wir ähnlich wie Geister dazu verdammt sind, eine oder mehrere Aufgabe durchzuführen.

Ich bin zum Beispiel dazu verdammt, Post auszuliefern, vor allem wenn deren magisch begabte Empfänger in Zeit und Raum herum-eilen.

Sie und Bär stehen auf meiner Liste. Machen sie sich künftig keine Sorgen mehr um Ihre Post. Ich bringe sie Ihnen! Ich muss jetzt aber weiter!“

Sie zog einen Brief aus der Tasche und las „Josef Waldner, 2010 nach Christi. Na das wird schwierig,“ murmelte sie und wandte sich an mich: „Waldner ist nämlich ein Geist. Ich hoffe er ist im Bruch!“ Dann verschwand sie.

Auch ich sah zu, aus der Gegend und der Zeit verschwand.

Zunächst musste ich aber Bär, übergab ihn die Lizenz und meinte er solle sie für mich au)eben. Dann verschwand ich aus der Zeit.

Nur gut dass die Lizenz nicht jedes Jahr persönlich verlängert werden musste!

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