Ein schwarzer Mann in weiß

Dieser Roman wurde 2019 überarbeitet

© 2019 auch für die Bilder by Lutz-Rüdiger Busse (siehe auch: Copyright)

Cliff Lorgan, Braunschweig 30. Mai 1975

Auch ich war etwas verwirrt, dass ganze sah aus wie die Ecke Kattreppeln, Hut­filtern, Damm, war es wohl auch. Allerdings sah alles etwas anders aus, die Katzens­tele fehlte zum Beispiel völlig. Die Sonne schien, es war Betrieb in der Fußgänger­zone. Ein älterer Herr rempelte Kristina an und entschuldigte sich. Zum Glück standen wir auf dem Fußweg Ein älterer Herr rempelte Kristina an und entschuldigte sich.

Kattreppeln, Braunschweig 2006
Kattreppeln, Braunschweig 2006

 

Anscheinend nahm niemand wahr, dass wir aus dem Nichts erschienen waren.

„Kann Dein Kasten Dir das Datum sagen?“ erkundigte ich mich bei Frauke.

Diese tippte mit dem kleinen Stift auf dem Kasten herum und erklärte: „Es scheint der 30. Mai 1975 zu sein.“

Ein Moment war Stille. Wir waren in Braunschweig. Aber keiner zu der Zeit, zu der er aufgebrochen war. Hier würde in ein paar Jahren die Katzenstele gebaut.

Die Braunschweiger Zeitung hatte ihr Pressehaus noch ganz in der Nähe am Hutfiltern


Plötzlich erschien neben uns ein großer, schlanker, schlaksiger Mann mit tief­schwarzer Hautfarbe in einem makellosen weißem Anzug mit weißen Rolli darun­ter, einem weißen Hut auf dem Kopf und weißen Turnschuhen an den Füßen, der sich verwundert umsah und fragte: „Ici, ou et?“ und da wir mit dem französischen nicht so schnell nachkämen noch auf englisch „Where I'm here?“

„Braunschweig, Brunswick. Deutschland, Germany.“ antwortete ich.

„Oh? Deutschland. Ihr seid deutsch?“

„Ich bin Engländer und dieser Herr ist Amerikaner. Ur-Amerikaner.“ Ich zeigte auf Roter Büffel. „Und Du?“

„Das würde ich auch gern wissen!“ erklärte er auf Deutsch. Er sah zu Mario und dann auf seinen Ringfinger. „Du bist ein SYMFORTD-Mann?“

Er hob seine geballte Faust. Mario wich zurück, sag dann aber wie ich, dass auch er einen SYMFORTD-Ring trug.

„Noch nicht sehr lange.“ meinte Mario. „Im Prinzip haben wir gerade erst davon erfahren, dass wir SYMFORTD-Leute sind.“

„Ihr auch? Ohne Ringe?“

„Wir sollen sie von einem Panther-Macher bekommen, einem gewissen Rellmeyer.“ sagte Frauke und tippte auf ihr neues Gerät. „Außerdem sollen wir diese EODisten und die Reykianer finden, eine gewisse Hedwig retten.

Der Fremde unterbrach sie: „EOD?“ und blickte finster drein. „Mit dieser Gruppe habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.“ Sein deutsch war ausgezeichnet.

„Wir auch!“ erklärte Mario. „Ich schlage vor, dass wir zu dem Haus von Tante Bar­bara fahren.“

„Sollten wir nicht zunächst bei diesem Meier reinschneien und sehen was er mit der EOD zu tun hat?“ meinte Frauke.

„Wir können in zwei Gruppen vorgehen und Verbindung halten. Wo wir doch zwei Ringe haben!“

Marios Gesicht war ein Fragezeichen. „Verbindung mit den Ringen?“

„Du hast ihn wohl wirklich noch nicht lange? Komm ich zeige es Dir.“

Er zog Mario ein wenig zur Seite, sprach leise mit ihm. Dabei tänzelte er leicht und bewegte graziös seine Arme.

Dann stellte er sich zunächst vor: „Ich heiße Jean Metieramour. Unter anderen. Wie wollen wir uns aufteilen?“

 Wir sahen die anderen an. Frauke war ganz vertieft in ihren neuen kleinen Zauber­kasten. Sie drückte und tippte darauf rum. Sie sah auf.

„Ich habe hier die Telefonnummer eines Peter Rellmeier. Hier steht einer Tele­fonnummer. .. Eeeh! Man kann mit dem Ding scheinbar auch telefonieren.“

Von Handys hatten wir alle noch nichts gehört, selbst Kristina nicht, zu deren Zeit es die ersten koffergroßen Mobiltelefone gab.

Wir bildeten spontan einen Kreis um sie. Wir wollten Aufmerksamkeit vermeiden.

Frauke hob den kleinen Kasten an ihr Ohr, hielt es aber leicht ab. Meinem feinen Musikergehör entgingen die leisen Pieptöne ebenso wenig wie die Stimme, die aus dem Ding kam. „Peter Rellmeyer!

„Frauke Gesandt! Ich suche einen Rellmeyer, der bei den Panther-Werken gearbeitet hat!“

„Mein Vater. Aber der ist schon verstorben. Um was geht es!“

„Um Ringe.“

„Ah, diese Frauke sind sie. Mein Vater hat mir von Ihnen erzählt. Er hat mir gesagt, wenn Sie anrufen, soll ich Ihnen sagen, er habe Ihnen die Ringe 1925 übergeben.“

Rellmeyer legte auf.

Wir waren zunächst ratlos. 1925!

„Wenn wir die Ringe 1925 bekommen haben, werden wir sie schon noch bekommen. Wir sollten uns wie besprochen aufteilen.“

„Also,“ sagte ich „wie teilen wir uns auf!“

Kristina und Frauke schlossen sich Mario an und erklärten, dass sie sich vielleicht etwas frisch könnten.

Mir waren Jean und Roter Büffel als Partner willkommen, die anderen gingen mir ein wenig mit ihrer Art auf den Geist. Sie waren zu wenig locker. Mario prahlte ohne Worte mit seiner Schönheit, Frauke war so furchtbar exakt und Kristina so furchtbar praktisch.

Inzwischen hat sich unser Verhältnis gebessert.

Ich habe gelernt Fraukes und Marios Qualitäten zu schätzen,

Kristina blieb nicht so lange bei uns, aber Käthe ist ihr sehr ähnlich, eher noch praktischer.

Da standen wir nun in der Braunschweiger Fußgängerzone. Wir schrieben den 30. Mai 1975. Genau in zehn Jahren würde ich  wieder hier stehen und singen. Eine Katze würde um meine Beine streifen.

Eine Katze, dort war eine Katze und sah Cliff an und miaute ihn an.

Dank ihrer Ringe konnten Cliff und Jean sie verstehen, ich nicht.

Die Botschaft, die ich in Echtzeit zehn Jahre später hören würde („Spiel doch Sympathy for the Devil“) war wie ich später erfuhr, auf telepathischer Ebene übermittelt.

Cliff sagte „OK“ und verschwand mit den Damen. Und wir drei Ausländer waren un­ter uns. Mir wurde klar, dass ich 17-jährig und in Liverpool noch einmal existieren musste. Das war, wem-immer-sei-dank, sehr weit weg. Ich sah  meine Partner an. Der weiße Anzug des dunkelhäutigen war weniger Aufsehen erregend als meine Kluft. Wir schrieben aber die wilden 70ger. Roter Büffel allerdings wirkte etwas deplatziert. Außerdem schien ihm ein wenig zu frösteln, obwohl es ein warmer Maitag war.

Auch Jean sah den Roten Büffel an und schien dieselben Gedanken zu hegen.

„Wir müssen Dir etwas andere Kleidung besorgen. Die Lady im Bademantel hätten wir auch mitnehmen können. Kennt sich hier jemand aus.“

„Begrenzt,“ erklärte ich, „ich habe zwar 3 Jahre hier gelebt, diese Jahre beginnen aber erst in sieben Jahren.“

„Dann wird Dein Geld vielleicht noch nicht gültig sein?“

„Es ist auch nicht besonders viel.“

„Das macht nichts, ich habe ausreichend Mittel.“

„Du warst schon mal in dieser Zeit?“

„Ich glaube nicht, aber sicher bin ich mir nie. Vielleicht erzähle ich Dir später davon. Ihr seid direkt vom Gärtner angeheuert wurden?“

„Ja, ich glaube so kann man es nennen.“

„Und der Geizhals hat Euch nicht mir ausreichenden Mitteln versehen?“ er erwarte­te keine Antwort. „Dann habt ihr noch keine Karte. Aber ich, und dank meiner Arbeit ist sie prall gefüllt. Ein kleiner Laden der Scheckkarten akzeptiert bzw. eine Bank wären ok.“ Er sah noch mal zum Roten Büffel und meinte: „Den Speer sollten wir verstecken, er ist etwas auffällig.“ Er machte eine komplizierte Handbewegung und der Speer verschwand. Der Besitzer sah nicht begeistert aus.

Jean ging auf  ihn zu und flüstere ihm etwas ins Ohr. Büffel sah auf seine Hand, die gerade noch den Speer gehalten hatte und nickte. Roter Büffel schien Jean zu ver­stehen. Vielleicht war Jean ein Sprachgenie.

Dass der Ring Jean half, fand ich erst später heraus.

Wir fanden alles. Allerdings war es nicht so einfach, Roter Büffel einzukleiden. Eine Erklärung für sein Outfit fand Jean, der die Verkäuferinnen und Verkäufer bezirzte, scheinbar mühelos.

Schwieriger war es den Geschmack des Indianers zu treffen, der partout keine „Kleider des weißen Mannes“ tragen wollte. In einem Ledergeschäft wurden wir mit einer schwarzen Lederhose und einer Wildlederjacke fündig. Jean gelang es sogar ihn zu ein paar festen Lederschuhen und Strümpfen zu überreden.

Während wir einkauften, stutzte Jean und murmelte: „Sie sind weg!“

„Wie, wer ist weg?“

„Der Stutzer mit den beiden Damen. Aber wir werden sie schon wieder finden.“

weiter mit: Meier & Co

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