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siehe aber auch Quellen Projekt

Ein Krokodil im Bürgerpark

Aus: A. H. Lehne: Braunschweiger Bilderbogen um 1880, Braunschweig 1949, S. 15 f.:

 

"Ein Teil der Krähenfelder Bauern hatte sich zu einem Klub zusammen getan, der in Merkels Garten auf der Wolfenbütteler Straße tagte. Die Wände der Bauernstube waren mit Wappen geschmückt, deren jedes einem der Mitglieder gewidmet war. Ich erinnere mich noch genau an einige von den vielen: Da war z. B. das von  Oskar Fischer, unserem unvergessenen Komiker am Hoftheater, wohnhaft Wolfenbütteler Straße, worauf ein Storch mit Wickelkind im Schnabel gemalt war.  Oskar« wurde nämlich fast jedes Jahr mit einem Wickelklnde beschenkt.

 

Dann das mit einem Krokodil darauf, dem Badeanstaltsbesitzer GelIertshoff gehörig. Der lange Jahre in Amerika gewesen war und seinen Freunden auf amerikanisch aufbinden wollte, er hätte in der Oker ein Krokodil gefangen. Auf seinen überschwemmten Okerwiesen liefen wir im Winter Schlittschuh und erlebten unsere schönen Eisfeste bei Militärmusik und Feuerwerk. G. wohnte in dem zweiten links von der Badetwete auf  der Wolfenbütteler Straße gelegenen Hause, das noch heute durch die Gefälligkeit seines Stils angenehm auffällt.

 

Sein Wappen mit dem Krokodil darauf hatte übrigens noch seine besondere Geschichte:

Auf dem damaligen Tummelplatz (jetzt Lessingplatz) war zur Zeit der Messe eine Tierbude aufgebaut, in der unter anderem zwei Krokodile zu sehen waren. Nun behauptete beim Abtransport der Tiere der Pfleger, eins von seinen Krokodilen sei verschwunden und es könne gar nicht anders sein, als daß  es in den nahegelegenen Okerarm (am jetzigen Stadtbad) ausgerückt wäre und sich nun in den Gräben und Wiesen von GelIertshoff herumtriebe.

 

GelIertshoff protestierte dagegen, aber es half ihm nichts. Die Braunschweiger wagten sich dieses Ungeheuers wegen nicht mehr in feine Badeanstalt. Was nun tun? Da kam GelIertshoff auf einen Gedanken:

 

Man sah ihn plötzlich den ganzen Tag mit der Flinte In feinen Wiesen herumstapfen und hörte ihn Schüsse abgeben. Dann kam er eines Tages mit einer ganzen Tasche voller Zehnpfennigstücke zu einem Rudel Jungen, die in der Nähe des Bruchtorwalles spielten, verteilte das Geld unter sie und erzählte, er habe das Krokodil nun geschossen und seine Haut an einem Baume seines Besitztumes angenagelt. Sie sollten daß nur allen Leuten erzählen; jeder könne sich davon überzeugen, daß das Tier unschädlich gemacht sei.

 

Das geschah denn auch! Es begann eine Völkerwanderung nach der Badeanstalt, um die Haut des erlegten Krokodils zu besichtigen. Dann nahm G. reine Beute wieder herunter von dem Baume und es wuchs langsam Graß über die Geschichte.

 

Einige Zeit nach diesen Vorkommnissen erschienen bei Nacht und Nebel zwei Männer bei  G., die einen von ihm wohlverpackten, langen Gegenstand durch die Wiesen nach der Stadt zu trugen und ihre Last an der Martiniapotheke am Eiermarkt absetzten. Nachdem sie den Apotheker herausgeklingelt hatten, übergaben sie ihm Ihren Packen, und er hängte das Krokodil – denn das war darin - wieder in feiner Apotheke unter der Decke auf, wo es schon lange, lange Jahre gehangen hatte zur Zierde seines Ladens.

 

Aber G.’s Ziel war erreicht: Seine Badegäste waren beruhigt und erschienen nun wieder."