Charaktere

Personen

Für einen, der Fantasy-Rollenspiel betreibt bzw. eines erfunden hat (wie ich Symfortd), wird die Entwicklung von Charakteren zu einer gewissen Faszination. Ich habe darüber hinaus Alles Illusion  geschrieben und mühe mich mit weiteren Romanen und Kurzgeschichten ab.

Sowohl in meiner Fantasy-Runde als auch in den Büchern bemühe ich mich hinsichtlich einer logischen Entwicklung der Figuren, obwohl dies kaum jemand merken würde.

Wenn ich bedenke, was ich zurzeit (Anfang 2005) für Klimmzüge hinsichtlich Josef Waldners in Zusammenhang mit cefle12 mache (und auch schon gemacht habe) weil mir neue Ideen kommen, bewundere ich Stouts Gelassenheit.

Stouts Charaktere wandeln sich ständig, ohne dass er diese Wandlung in irgendeiner Weise beschreibt oder begründet. Unter dem Motto im nächsten Buch ist alles anders, setzt er sich über derlei Dinge hinweg.

Einiges mag an den Übersetzern liegen, aber sicher nicht alles.

Ich beschreibe diese Entwicklung sowohl bei meinen Beschreibungen der Werke, als auch bei den Beschreibungen der Charakter. Dabei ist dem sowohl dem Gespann Wolfe-Goodwin, als auch den Wolfe und Goodwin je ein Absatz gewidmet. Auch die Entwicklung der anderen Charaktere wird dokumentiert.

Entwicklung der Charaktere

Die Charaktere »Lanzenschlange« unterscheiden sich sehr von denen spätere Werke. Am Anfang folgt Stout noch weitgehend der Poe’schen Idee vom schlauen Genie Wolfe und dummen Assistenten Goodwin. Stout hält das nicht durch. Von Band zu Band verändern sich (nicht nur) diese Charaktere. Wobei Stout in der Veränderung nach dem Motto verfährt: »Was schert mich mein Geschwätz von gestern«. Er erklärt keine Veränderungen, schildert keine Entwicklungen, er verändert einfach von Buch Personen, Räume und Geschehnisse. John Strother Clayton beschreibt dies auf seinen Seiten zum Teil sehr gut, nicht nur in Hinsicht auf die räumlichen Veränderungen im Backsteinhaus.

Ein weiteres Beispiel: Archies Eltern sind in der »Lanzenschlange« tot, in »erstens kommt es anders« fragt Wolfe nach seiner Mutter in Ohio, in Sie werden demnächst sterben trifft sich Archie mit Schwestern und Brüdern, in Zu viele Frauen werden die Eltern mit Namen genannt, die Zahl der Schwestern und Brüder mit je zwei benannt.

Aber auch das Verhältnis zwischen Wolfe und Goodwin ändert sich. »Ich bin diktatorisch und Sie eigensinnig!“ beschreibt Wolfe dieses Verhältnis. Wie sich kennen gelernt haben, wird in »Die Lanzenschlange« geschildert. Die erst Reifung des Verhältnisses wird in »Zu viele Köche«  deutlich.

Mir scheint, das Stout eine »dumme Ich-Figur« gegen den Strich geht. Goodwin wird ein wenig zum amerikanischen Einzelgänger-Helden (der auch mal Fäuste und Revolver sprechen lässt) wie sie etwa Dashiell Hammet und RaymondChandlerschildern und die in der Tradition der Western-Helden stehen. Allerdings ist Archie auch Wolfes Sekretär, der die Schreibmaschine trefflich bedienen kann. Also auch eine EffiePerine.

Archie vereint also mehrere Rollen auf einmal: 

✗   Der bewundernde Erzähler und Partner des Mordfälle klärenden Genies (wie wir ihn von Poe, Doyle und Christie kennen)

✗   Der hübsche Sekretär, (eine Anspielung Perry MasonsDellaBrandt? (Gardner) oder der hübschen Sekretärin Sam Spades Effie Perine(im »Malteser Falken« von Hammet)) der sich seiner Wirkung bewusst ist, aber auch perfekt mit der Schreibmaschine umgehen kann.

Stout unternimmt mit Alphabet Hicks, TecumsehFox, Inspektor Cramer und auch Dol Bonner immer wieder Versuche eines anderen Krimis, die mir aber nicht gelungen erscheinen.

Diese Ohne-Wolfe-Krimis wirken hektisch, sie sind zu ernst. Es fehlt oft die ordnende Hand des Erzählers (Goodwin)

Aber mit der geistigen Reife Archies taucht ein neues Problem auf, da dieser wenn ihm alle Fakten bekannt sind, auch auf die Lösung stoßen muss.

Manchmal tut er das auch, verschweigt allerdings die Lösung. In einigen Fällen ist beiden (und dem Leser) das Täterle bekannt, eine Überführung aber nur mittels Wolfes Scharaden möglich.

Stout verfällt aber meist auf einen anderen Trick: Goodwin wird kaltgestellt. Er muss das Telefon bewachen, sich mit hübschen Frauen beschäftigen (was er ja eigentlich ganz gern tut) oder mit der Polizei »spielen«, manchmal sogar ins Gefängnis. Wolfe hat zwar keine Geheimnisse vor Archie, wenn der Klient etwas Vertrauliches verlauten lässt, aber wenn Wolfe etwas vor Archie geheim halten will, tut er es.

Während dessen schickt Wolfe andere Detektive los, meist seine Tagelöhner (wie ich sie nenne) Saul Panzer, Fred Durkin, Orrie Cather, Bill Gore und Johnny Keems. Manchmal bedient er sich andere Detekteien, Bascom und Bonner zum Beispiel. Die Informationen gehen dann direkt an Wolfe, Archie darf dann nicht einmal am Telefon lauschen und ist meist eingeschnappt.

Dennoch geht Stout meist mit seinem Leser fair um, streut Informationen in sein Buch ein, die auf Tat und Täterle hindeuten.

Das Verhältnis von Nero Wolfe und Archie Goodwin ist mit dem eines alten Ehepaars einigermaßen gut beschrieben. Sie kennen ihre gegenseitigen Schwächen, streiten sich und sind einander manchmal richtig böse. Doch sie können von einander auf Dauer nicht lassen.

Nicht dass ich falsch verstanden werde: Das Verhältnis hat mit den ehelichen Pflichten nichts tun.

Wolfe hat nichts (mehr) mit Frauen (aber auch nichts mit Männern), dafür um so mehr Archie Goodwin. Wolfe überschätzt nach Archies Meinung dessen Wirkung auf Frauen. Da Archie aber die Erfolge zeitigt, die Wolfe erwartet, wird dessen Meinung bestärkt.

Wolfe erwartet auch, dass Archie alle Personen anschleppt, die Wolfe sehen will, was Archie manchmal vor fast unlösliche Probleme stellt. Dabei ist es egal ob die beiden zu Hause sind (wie z. B. in Aufruhr in Studio) oder auswärts (wie z.B. in Zu viele Köche, wo Archie vermutet, er müsse Wolfe demnächst Senat und Repräsentantenhaus anschleppen.)

Viele Konflikte werden durch einen Gegensatz ausgelöst: Wolfe ist faul und bequem, Archie liebt Aktivität. Zu Archies Aufgaben Wolfe zur Arbeit anzutreiben. Manchmal gelingt es Wolfe die Arbeit auf andere zu verteilen. (z.B. die Polizei, aber auch an seine Tagelöhner). Archie muss dann im Büro tatenlos Rumsitzen, was ihn nervt. In Aufruhr im Studio ist er so genervt, dass er Lon Cohen zu einem Artikel animiert, in dem er Wolfe als zu alt oder zu dick, zumindest als zu faul bezeichnet wird.

In »Zu viele Köche« und »Schwarze Orchideen« wird das Verhältnis der beiden weiterentwickelt. In  »Aufruhr im Studio« erklärt Wolfe, Archie sei ebenso exzentrisch wie er. 

Eine Besonderheit soll aber noch geschildert werden: Nero Wolfe und Archie Goodwin altern nicht. Ich habe mir die Freiheit genommen, dies in  "Die These E zum Fall Charles Dickens und Edwin Drood eine Weitererzählung zu »Ruttero & Lucentini: Charles Dickens Die Wahrheit über den Fall D«" zu karikieren.